Ritterwelten im Spätmittelalter

Unauslöschlich ist mit dem Bild des Ritters die Vorstellung eines berittenen, geharnischten Kriegers verbunden. In gleicher Weise bildet das Turnier in der Welt des Spätmittelalters den Höhepunkt ritterlicher Selbstdarstellung: Kein größeres Fest bei Hofe – auch nicht die Landshuter Hochzeit – war denkbar ohne ein solches, häufig durchaus riskantes Kräftemessen: Mit Scharppffen (scharfen) Spiessen trug Herzog Georg am Tag nach seiner Hochzeit, dem 15. November 1475, ein sogenanntes Rennen in der Landshuter Altstadt aus – eine Form des Zweikampfs, bei dem sich die Beteiligten zum Teil ohne das schützende Bein- und Armzeug des Turnierharnischs höchsten Gefahren für Leib und Leben aussetzten.

 

Neben solchen Scharfrennen, welche für die Parteien mit letztlich unkalkulierbarem Risiko sicherlich den größten ›Nervenkitzel‹ bedeuteten, pflegte das spätmittelalterliche Turnierwesen eine heute nur mehr schwer zu überblickende Vielfalt an Spielarten: vom Turnier zweier Reitergruppen bis zum Turnier Mann gegen Mann. Die durchaus nicht immer diszipliniert und ›ritterlich‹, sondern, wenn es etwa um die Begleichung schwelender Ehrenhändel in der Ritterschaft ging, nicht selten tumultartig ausufernden Veranstaltungen nahmen in der Spätzeit des Mittelalters mehr und mehr den Charakter eines sportlichen Kräftemessens an. Der Harnisch entwickelte sich zu einer schweren ›Sportmaschinerie‹, die für den ritterlichen Ernstkampf nicht mehr zu gebrauchen war.

 

Nachweislich seit hochmittelalterlicher Zeit wurden die Angehörigen des Adels in der ritterlichen Waffenführung durch sog. Fechtmeister unterwiesen, die sich als ›Spezialausbilder‹ im Verlauf der Jahrhunderte zu einer eigenen Berufsgruppe entwickelt hatten. In Landshut stand über annähernd drei Jahrzehnte hinweg der Fechtmeister Paul Kal im Dienste Herzog Ludwigs des Reichen: Ihm hatte der Herzog selbst zunächst die Vervollkommnung der eigenen Ausbildung, später dann auch die seines Sohnes Georg an der Waffe anvertraut. Zusammen mit seinem Zeitgenossen Hans Talhoffer gehört der Landshuter Fechtmeister zu den hervorstechendsten Vertretern seines Berufsstandes in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Namen Paul Kals und Hans Talhoffers verbinden sich heute mit einer schmalen Gruppe illustrierter Fechthandschriften, die auf denkbar gegensätzlichste Weise die Waffenlehre des ›Ahnherren‹ der mittelalterlichen Fechtmeister veranschaulichen: Hans Liechtenauers »Kunst des langen Schwerts«, welche über etwa anderthalb Jahrhunderte hinweg prägend für den Umgang mit dem zweihändigen Schwert im Ernstkampf wie im Turnier wirkte.

 

Die diesjährige Begleitausstellung der Landshuter Museen anlässlich des Festspiels der »Landshuter Hochzeit 1475« geht der Selbstdarstellung des Rittertums im spätmittelalterlichen Turnierwesen sowie der Kampf- und Kriegsrealität an der Wende zur Neuzeit nach. Hochkarätige Leihgaben aus Plattnerei und Buchkunst versammeln sich in der Landshuter Heiliggeistkirche und präsentieren die ehemalige Residenzstadt des Herzogtums Bayern-Landshut als ein Zentrum ritterlicher Hofkultur am Ausgang des Mittelalters.